Dienstag, 8. November 2016

Kursbericht: Tagesseminar mit Christina Wagner in Gießen - Klappe die Zweite

Der Morgen

7:00 Uhr. Verschlafen. Mist. Ein Scheißtag.
Ich bin das Taxi für Christina (Homepage gibts hier) nach Gießen und soll sie eigentlich um 7:15 Uhr vor ihrer Haustür abholen. Das klappt nicht. Verdammt. Verdammt, verdammt, verdammt.
Christina benachrichtigen, schnell duschen, Kaffee mitnehmen, Kuchen und Ersatzklamotten nicht vergessen, los. LOOOOS.
Christinas Gelassenheit? Bei 200%.
"Wir können gar nicht zu spät sein, ohne mich fangen die gar nicht an.", meint sie später im Auto.
Ich liebe diese Frau.
(Zwischendurch wurde Christina noch von Friederike, der Organisatorin angerufen, da es ein Verladedrama in 5 Akten und einen Verladetraum in 1 Akt gab - die waren froh um unsere Verspätung...)


Theorie 1 & Vorstellung

Wir sind in unserer lustigen kleinen Runde (6 aktive Teilnehmer, zwei Zuschauer und Christina) die Erwartungen, Wünsche, Themen und Problemchen durchgegangen. Wie schafft es diese Frau eigentlich, von den Problemchen der Teilnehmer ausgehend soviel Ausblick, Lust und Vorfreude auf Reiten, Bodenarbeit, Klarheit und Durchlässigkeit zu erzeugen? Ich weiß es wirklich nicht, aber ich möchte einmal einen Pep Talk von ihr in aufgenommener Form haben. Da höre ich mir dann jeden Morgen an. Jeden.
Die Themen waren mal wieder so vielfältig wie die Pferd-Mensch-Paare. Definitiv auf dem Programm stand aber: Reiten. Ziemlich alle wollten das Reiten angehen, nur zwei waren an der Handarbeit interessierter.
Und durch Christinas nette Anekdoten wissen wir jetzt auch:

  1. Today is a saddle day./Today is a "Hänger-Day"./Today is a "Galopp-Day".
  2. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit (gaaaanz wichtig!).
  3. Durchlässigkeit kommt von Durchlassen, das von Loslassen und das von Zulassen.
  4. Wer klar ist, kann eine klare Antwort erhalten. (Und erhält ein motiviertes Pferd.)


Unterrichtsrunde 1

Voller Vorfreude marschieren wir Richtung Halle. Wir sehen viel Handarbeit, viel Feinheit, viel Freude - und wir lachen auch alle viel und herzlich. Wir lernen mehr über die Klarheit, Freude über das und mit dem Pferd, die Notwendigkeit beantwortbarer Fragen und dem Perspektivenwechsel zur Lösungsorientierung. Achja und wir lernen so ganz nebenbei auch viel über die Arbeit mit dem Pferd.
Es steht im Vordergrund, gemeinsam den Weg zu gehen, aber einen klaren Plan vorzulegen. Der 4-Jährige Haflinger darf aber dennoch humorvoll und ausprobierend den Plan erkunden. Soll ja immer noch Spaß machen und kein Drill werden. Walzer tanzend schwanken wir dann auch mit so ziemlich jedem Pferd. (Badadadam-dadam-dadam..)


Klar steht aber auch die Beweglichkeit der Pferde im Fokus, die absolut fachkundig und physiologisch angegangen wird. Ein beweglicher Körper schafft einen beweglichen Geist und umgekehrt. (Packt schon mal die Yoga-Matten aus, ihr Lieben. Brain Gym tut's aber auch.)
Die Klarheit erkunden wir nochmal genauer mit Focus, Feeling, Timing und Balance. Unser Focus gibt uns die Möglichkeit, überhaupt ein Feeling für den richtigen Weg zu entwickeln, welches uns dann ein Timing für Lob und Korrekturen gibt, und was uns letzten Endes zur Balance führt. Und das ist ein klares Konzept.
Also: immer erst den Focus finden.
JoJo zwischen Friederike und Prada © Lehrmeister Pferd
Für mich persönlich ganz toll war, dass trotz der Tatsache, dass die Teilnehmer bei dem Seminar eigentlich alle schon mit Handarbeit nach der akademischen Reitkunst begonnen hatten oder es schon eine Weile praktizieren, sich dennoch zwei "alte Hasen" auch mit dem Horsemanship befasst hatten. Es ist meiner Meinung nach unheimlich spannend, dass selbst zwei, die wirklich sehr gut mit ihren Pferden kommunizieren, auch auf der Stufe der Basics noch so viel mitnehmen können. Es lohnt sich also, ab und zu auch gerne mal einen Blick darauf zu werfen - und werfen zu lassen. Ach und apropos Blick werfen: Klingt ja schon so ähnlich wie Focus. Und Focus ist der Geheimtipp gegen aufkommende Hektik. Muss ich unbedingt ausprobieren ;)

Theorie 2

Die Lachnummer auf dem Hof: Wir reiten uns gegenseitig. Jepp, einer ist auf allen vieren und einer steht/sitzt drauf und stellt und biegt sein "Human Horse". Und oh wie viel man davon lernen kann.
Einerseits ist es super spannend zu erleben, wie die Hilfen eigentlich auf das Pferd wirken und wie fein die sein können, andererseits ist es auch spannend, über die gegebenen Hilfen gesprochenes Feedback erhalten zu können. Und ungefähr jeder von uns wollte einmal auf alle viere gehen für Christina. Und ja auch die Human Horses werden natürlich für gute Arbeit belohnt!

Unterrichtsrunde 2

Die Reiterrunde.

"Reite nicht schlechter als ein Stück Gepäck, denn selbst das lässt sich gut transportieren." 
(Bent Branderup oder "Onkel Bent")

Friederike wird zum Passagier © Lehrmeister Pferd
Ganz in diesem Sinne durften wir mehreren Pferd-Mensch-Paaren zusehen, wie der Reiter mal aktives Gepäckstück wurde und die Bewegungen mehr erfühlen durfte, während Christina die Pferde stellte, bog und bewegte.
Es ging darum, den Pferdekörper in seiner Bewegung besser wahrzunehmen und dementsprechend auch besser den eigenen Körper mitzubewegen. Das entsprechende Einwirken folgte natürlich sofort danach.
Außerdem war Tag des Galopps! Denn ein Pferd-Mensch-Paar durfte gemeinsam ein besseres Gefühl für den Galopp entwickeln.
Und die meisten Dinge lernt man am besten dann, wenn man sie macht - also Hoppi Galoppi.

Fazit

Ja, ich glaube man hört raus, ich bin schwer begeistert. Von dem Tag, dem Kurs und von Christina. Ich bewundere die Leichtigkeit, mit der sie an schwierige Themen herangeht, die Motivation, die immer überschwappt, die Authentizität und Klarheit, die so ziemlich jedes Pferd dankend annimmt.
Christina und Friederike mit Prada © Lehrmeister Pferd
Ich war "nur" Zuschauer und habe das Gefühl, so viel gelernt zu haben wie in 2 Jahren Selbststudium. Eher mehr.
Ich bin so motiviert, am liebsten würde ich jetzt sofort Tivo mitnehmen und üben. Kommunizieren und an der Klarheit feilen. Oh und 2 Jahre in die Zukunft springen und an schwungvollen, prächtigen Einhörner-Galopp denken - und das dann auch reiten.
Nein, es war kein Scheißtag, er war wundervoll. Ein Tag des Lachens, der Freude und der Gemeinschaft.
Der Kurs stand für mich unter dem Zeichen der Klarheit und der Bewegung. Mehr davon bitte!
Ich möchte Christina für den Kurs danken, Friederike für die Organisation und den Fotos und den ganzen Teilnehmern für diese wunderbare Atmosphäre - auf noch viele weitere Seminare!

Funfact am Ende: Wer sich noch an meinen Bericht vom letzten Kurs erinnert, weiß noch, dass Christina mich am Ende des Tages erstmal einrenken musste, bevor ich sie nach Hause bringen konnte. Ja, davon gab es in spektakulärer Form eine Wiederholung - aber diesmal nicht mit mir. Mir geht es nämlich seit ein paar Behandlungen von Christina wieder sehr gut. Aber auf dem Heimweg durfte Christina in einer Buchte des Seitenstreifen der Autobahn A5 ein paar Wirbel einrenken...
WHAT A DAY! 


Ich gestehe ja, dass ich leider noch nicht so weit mit dem Lesen gekommen bin, aber wer sich mehr mit dem Klarheit beschäftigen möchte, dem kann ich sehr das Buch von Nadja Müller ans Herz legen. (Achtung, der Link führt zu Amazon)
So verständlich und klar (hehe) führt sie uns die Thematik ein und gibt wunderbare Denkanstöße dazu, die in den täglichen Umgang mit unseren Pferden ganz unbedingt einfließen sollten. 
Sie werden es uns danken, da bin ich mir absolut sicher.